Deutschland zieht in den Krieg gegen die Wildschweine

Einer muss ja immer der Sündenbock … äh … die Sündensau sein

Europa lebt in Angst. Es geht um unser heiligstes Gut: das Fleisch! Und die damit verbundenen Schweine. Mitte letzten Jahres kam es in der Tschechischen Republik zu einem unerwarteten Anstieg von Fällen der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Die Krankheit ist keine unbekannte. Seit einigen Jahren breitet sie sich langsam im Baltikum aus doch ihr Sprung in Richtung deutsche Grenze schürt neue Ängste. Nur 300 km Puffer liegen noch zwischen dem nächsten Fall und unserer Heimat.

Und da so eine Krankheit als „Bösewicht“ schwer zu fassen ist, brauchen wir jemanden an dem wir unsere Angst auslassen können. Und nein, es sind nicht die Afrikaner (solche Vereinigungen gegen Bevölkerungsgruppen hat Deutschland schon lange hinter sich gelassen) – es sind die Wildschweine.

Tatsächlich sind momentan bevorzugt die Wildtiere in Europa Träger der Seuche, die bei Schweinen innerhalb weniger Tage zum Tod führt. Aber für die Verbreitung sind sie nur teilweise verantwortlich.

Sven Herzog (Dozent für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden) bemerkt gegenüber der ZEIT, dass Wildschweine ortstreue Tiere sind. Außerdem werden sie durch die Krankheit und das damit einhergehende Fieber meist unbeweglich. Hauptsächlich verbreitet sich der Erreger durch den Menschen. Reisende, Jagdtrophäen und besonders importiere Lebensmittel. Der Virus kann an Kleidung und Fahrzeugen haften bleiben, damit stellt auch der Fernverkehr eine Bedrohung da. Die Gefahr der Einschleppung auf diesem Weg nach Deutschland wird vom Friedrich-Loeffler-Institut inzwischen als mäßig (normalerweise zu erwarten) eingestuft.

Ein größeres Problem aber sind nicht die Viren an Kleidung oder Fahrzeugen. Es sind die Reisenden, die an Raststätten ihre Essensreste nicht fachgerecht entsorgen oder diese gar aus dem Auto werfen. Solcher Müll lockt dann Wildschweine an, wodurch diese infiziert werden können.
Das bedeutet: Träger ist das Schwein, Verbreiter aber hauptsächlich der Mensch.

Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit der höchsten Wildschwein Population, weshalb das Risiko, dass Tiere durch Kontakt mit dem Virus auch bei uns infiziert werden können, durchaus besteht. Ursachen wie Massentierhaltung und Schweinezucht werden meist außen vor gelassen. Vor allem wenn der Bauernverband den Abschuss von 70 Prozent der in Deutschland lebenden Wildschweine fordert. Auch Muttertiere sollen zum Töten freigegeben werden. Das hat dann ein qualvolles Verhungern der verbliebenen Jungen zur Folge. Natürlich haben die Bauern nur Angst um ihre Bestände, denn sollte eines ihrer Tiere mit ASP infiziert sein, müssen alle anderen ebenso getötet werden. Aber ist das eine Rechtfertigung alle Vernunft über Bord zu werfen, um die Wälder Deutschlands – und somit alle dort lebenden Tiere – aufzuwühlen und die Grünen Oasen in Kriegsschauplätze zu verwandeln?
Und was bedeutet das Ganze jetzt für uns und unseren Fleischkonsum?

Zu allererst sollte man sich einmal Gedanken darüber machen, dass die Gefahr der Ausbreitung in Massentierhaltungen daher rührt, dass unsere Gesellschaft billiges Fleisch im Überfluss fordert. Es geht um Quantität statt Qualität. Nur für den Hinterkopf. Sollte ASP also Deutschland erreichen, bedeutet dies einen Milliardenschaden für die Deutsche Fleischindustrie. Wir sind Fleischexport-Weltmeister – das steht nun auf dem Spiel. Und weil es immer um die Wirtschaft und nicht um die Tiere geht, beginnt nun die Eindämmung durch präventive Tötung. Natürlich findet nun auch das Fleisch von Wildschweinen kaum mehr Abnehmer. Auch wenn die Tiere nachweislich gesund sind. Wir leben in Angst vor einer Krankheit, die weder uns noch irgendwelchen anderen Lebewesen schädlich sein kann! Bei allen Maßnahmen geht es nur darum, die Ausbreitung des Virus in Europa zu verhindern. Nicht um den Menschen zu schützen, sondern um die Tiere zu schützen – und die Wirtschaft, also eigentlich am meisten die Wirtschaft.